Matthias Ehrlich (BVDW): Wir brauchen eine zukunftsfähige Datenpolitik

Matthias Ehrlich, Präsident des BVDW, spricht im Interview über digitale Trends, Automatisierung und wo deutsche Firmen sich nicht verstecken müssen.

Heute beginnen die Data Days mit dem Motto „Air. Water. Earth. Data“ in Berlin. Die zweitägigen Konferenz dreht sich um Themen wie Predictive Analytics, Big Data, die Automatiserung der digitalen Welt und das Internet der Dinge. Zu den Rednern und Diskussionteilnehmern zählt auch Matthias Ehrlich, Präsident des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V.. SearchEnterpriseSoftware.de sprach mit ihm im Vorfeld der Data Days über die digitale Wirtschaft in Deutschland und Europa, verpasste Trends, die Digitale Agenda der Bundesregierung und seine Keynote „The disruptive power of digitalisation and automatisation“.

Herr Ehrlich, die britische Wochenzeitschrift „The Economist“ schrieb vor einigen Woche in einem Artikel: “Verboten! Dies scheint Deutschlands Standardreaktion auf digitale Vordenker zu sein.“ Sind die Menschen in Deutschland zu ängstlich beim Umgang mit dem Internet und mobiler Apps?

Matthias Ehrlich: Auf so manchen sich fürsorglich gebenden Politiker könnte das durchaus zutreffen. Ideen wie ein Gesetz zum Verbot der beruflichen Kommunikation nach Feierabend sind einem im Ausland schon peinlich. Aber bei den Nutzern selbst kann ich das nicht sehen. Allein von 2013 auf 2014 ist die Smartphone-Nutzung in Deutschland um 25 Prozent angewachsen, wie die Connected Consumer-Studie des BVDW mit Google und TNS zeigt. Junge Zielgruppen sind heute vielfach nur noch über das Internet zu erreichen und viele Internetangebote werden in den nächsten zwei Jahren mehr mobile als stationäre Nutzer haben. Ängstlichkeit kann ich darin nicht entdecken. Aber in Deutschland sind wir, das ist sicher historisch bedingt, sensibler was den Umgang mit und die Nutzung von Daten betrifft. Und das ist auch gut so. Wir brauchen einen ethischen Kodex, wenn wir die wirtschaftlich wichtige und notwendige Nutzung von Daten politisch und gesellschaftlich akzeptanzfähig machen wollen. Hier sind auch wir als digitale Wirtschaft gefragt.

Verschlafen deutsche Firmen die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die sich durch die digitalen Trends ergeben?

Aus dem klassischen Slogan ‚Vorsprung durch Technik‘ muss ‚Vorsprung durch Daten, Digitalisierung und Technik‘ als Markenzeichen für ‚Made in Germany‘ werden.

Matthias Ehrlich: Ich würde es anders formulieren: Wir blicken zu oft zu einseitig auf die Herausforderungen statt auf die Chancen, die sich für uns aus dem digitalen Wandel unserer Lebens- und Konsum- wie auch unserer Produktionswelt ergeben. Das ist in Teilen sicher auch eine Mentalitätsfrage, daran müssen wir arbeiten. Deutschlands hoher Industrialisierungsgrad und unsere Spitzentechnologien in vielen Branchen haben uns als Industrienation jahrzehntelang im globalen Wettbewerb in der Spitze gehalten. Deutsche Firmen stehen jetzt vor der Herausforderung, relevante und nachhaltige Auswirkungen der Digitalisierung frühzeitig zu identifizieren und aktiv mitzugestalten. Aus dem klassischen Slogan „Vorsprung durch Technik“ muss „Vorsprung durch Daten, Digitalisierung und Technik“ als Markenzeichen für „Made in Germany“ werden, wenn wir uns im weltweiten Wettbewerb behaupten wollen.

Die Bundesregierung hat einen Ausschuss mit der Ausarbeitung einer „Digitalen Agenda“ beauftragt, die am 20. August vorgestellt wurde. Die Agenda wird als „wichtiger Baustein der Wirtschafts- und Innovationspolitik“ beschrieben. Wie bewerten Sie die Digitale Agenda?

Matthias Ehrlich: Die Digitale Agenda ist und bleibt ein wichtiges zukunftspolitisches Projekt. Aber, was die Bunderegierung vorgelegt hat, hat handwerkliche Mängel und bleibt deutlich hinter den Erwartungen und auch den wirtschaftspolitischen Erfordernissen zurück. Das fängt damit an, dass wir eine flächendeckende Breitbandinfrastruktur benötigen, die das Wort leistungsfähig verdient. Hier hinken wir, was die Versorgungsbandbreite für die Industrie, wie auch ein Zeithorizont und eine sichergestellte Finanzierung betrifft, sträflich hinterher. Beim Datenschutz treten wir in punkto einheitliche regulatorische Regeln für deutsche beziehungsweise europäische und außereuropäische Unternehmen – Stichwort „level playing field“ – auch auf der Stelle. Neue, gut gemeinte Initiativen in der EU haben die Tendenz zur populistischen „Verschlimmbesserung“. Auch im Bereich digitale Sicherheit baut die Politik gerade wieder Bürokratie- und Kostenmonster auf, während die Frage, wie man die Übergriffe von Geheimdiensten auf kritische Infrastrukturen, Unternehmen und Bürger in Zukunft wirksam verhindern will, unbeantwortet bleibt. Für Start-ups gibt es nach wie vor keinen abgestimmten Ordnungsrahmen, der eine konsequente und nachhaltige Förderung der Gründung und Entwicklung junger innovativer Unternehmen ermöglichen würde.

Viele Kritiker werfen der Bundesregierung vor, lediglich Absichtserklärungen in der Digitalen Agenda zu formulieren. Themen wie Netzausbau, Urheberrecht und Datenschutz kämen darin zu kurz, so ihre Argumente. Wie betrachten Sie diese Kritik?

Matthias Ehrlich: Ich teile die Kritik an der fehlende Maßnahmensubstantiierung. Was wir brauchen ist eine zukunftsweisende Innovationsstrategie für Deutschland, die den digitalen Wandel als Chance und grundlegenden erfolgskritischen Wettbewerbsfaktor begreift und die das Label Strategie verdient, weil sie mehr als nur eine Ansammlung von Ideen, unausgegorenen Plänen und halbherzigen Absichtserklärungen ist. Beim Thema Datenschutz bin ich allerdings klar anderer Meinung: Wir brauchen nicht noch mehr Datenschutz – hier sind wir in Deutschland mit den bestehenden gesetzlichen Regelungen, die übrigens in Gesamteuropa als Best Practice gelten, bestens aufgestellt. Was wir brauchen ist eine echte, zukunftsfähige Datenpolitik, die Deutschland und Europa als wettbewerbsfähigen Datenstandort etabliert, an dem Datennutzung gezielt gefördert und zugleich wirksam mit einem hohen Datenschutzniveau harmonisiert wird.

Bei den Data Days, die am 01. Und 02. Oktober in Berlin stattfinden, halten Sie eine Keynote über das Thema „The disruptive power of digitalisation and automatisation“. Können Sie kurz erläutern, worum es in dem Vortrag gehen wird?

Matthias Ehrlich: Der Impulsvortrag wird sich mit den Auswirkungen der disruptiven Kraft von Digitalisierung und Automatisierung auf Wirtschaft und Gesellschaft – Stichworte Connected Life und Industrie 4.0 – auseinandersetzen. Welche Potenziale stecken darin, wie kann ein evolutionärer Entwicklungspfad aussehen – und welche Perspektive sollten wir einnehmen, wenn wir bestmöglich davon profitieren wollen.

Stichwort Automatisierung: Viele Medienvertreter betrachten das Thema für ihr Medium zwiespältig. Dabei haben sie Angst, dass Algorithmen journalistische Arbeitsplätze überflüssig machen könnten. Ist diese Angst begründet?

Matthias Ehrlich: Nicht, wenn sich Medien wieder mehr auf ihre ureigenste journalistische Aufgabe und ihr eigentliches „Handwerk“ besinnen. Dazu gehören ein unabhängiger Blick auf politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen, die professionelle Verifizierung von Informationen, das transparente Bewerten von Sachverhalten sowie ein ganzheitlicher Blick für eine freie, individuelle und öffentliche Meinungsbildung. Diese Aufgabe kann kein Algorithmus übernehmen. Ich bin davon überzeugt, dass mit genau diesem Selbstanspruch und Mehrwertbeitrag der Journalismus auch im digitalen Zeitalter eine wichtige Rolle spielen wird. Kakofonie haben wir mit dem Internet als schneller und kostengünstiger Selbstpublikationsplattform genug. Was wir für eine wehrhafte Demokratie und eine zukunftsfähige Gesellschaft brauchen, sind Medien, die eine pluralistische Willensbildung ermöglichen.

In der industriellen Fertigung, der Steuerung von Maschinen, aber auch im Marketing kommen automatisierte Werkzeuge bereits im breiten Stil zum Einsatz. Können Sie uns weitere Anwendungsbeispiele nennen, bei denen Automatisierung in Zukunft eine Rolle spielen wird?

Matthias Ehrlich, Präsident BVDW e.V. Matthias Ehrlich, Präsident BVDW e.V.

Matthias Ehrlich:Die wichtigsten Bereiche sind damit schon skizziert. Die zunehmende Automatisierung in der maschinellen Steuerung und industriellen Fertigung sind die Hauptfelder der so genannten vierten Revolution beziehungsweise Industrie 4.0. Hierbei geht es letztlich um die Fusion von Daten, Informations- und Telekommunikationstechnologie und Automatisierung mit der gesamten Produktion. 80 Prozent aller Innovationen in der Produktionstechnologie, so eine Zahl des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), greifen bereits heute auf die Integration von ITK-Technologien mit dem Maschinenbau zurück.

Dennoch stehen wir hier erst am Anfang der Entwicklung. Über die serielle Produktion und standardisierte Prozessabwicklung bieten Bereiche mit systematisch wiederkehrenden Tätigkeiten ein hohes Automatisierungspotenzial. Ein Beispiel ist die Servicerobotik. Das BMBF hat dazu bereits 2009 eine Intersuchung mit dem Titel EFFIROB (Effiziente Innovative Servicerobotik) in Auftrag gegeben und elf Szenarien auf Wirtschaftlichkeit und Marktpotenzial geprüft. Eines der größten Potenziale wird dabei dem Einsatz der Servicerobotik in der Landwirtschaft zugeschrieben. Neben der Automatisierung wird es darauf ankommen, ob und wie datengestützte Systeme kontext und situationsbezogene Entscheidungen treffen können, sprich autonom agieren: Hier wird einer der spannendsten Bereiche Mobilität, insbesondere autonomes Fahren sein.

Wie wird sich der Markt der Wearables in den kommenden Jahren entwickeln?

Matthias Ehrlich: Wearables werden im Konsumentenbereich schon bald alle anderen internetfähigen Endgeräte vom reinen Volumen her überholen. Die potenzielle Erreichbarkeit über das Internet oder zum Beispiel Bluetooth bietet dem Nutzer neue Möglichkeiten vom Büroassistenten über Routenplanung bis hin zum Fitness-Monitor. Die rasche Entwicklung der Nutzerfreundlichkeit und des Einsatzspektrums zeichnet sich bereits als zentrales Element für neue Ökosysteme ab, die beispielsweise den Gesundheits- und Fitnessmarkt, aber auch andere Märkte verändern und dort die digitale Transformation befördern. Wearables werden zur Basis des Internet of Things.

Wie bereits erwähnt, hat die Bundesregierung dem Thema Digitalisierung des privaten und öffentlichen Lebens eine eigene Agenda gewidmet. Wo sehen Sie den Bundesverband Digitale Wirtschaft in dieser Agenda vertreten?

Matthias Ehrlich: Allein der Umstand, dass die derzeitige Bundesregierung für das Thema Digitalisierung eine politische Agenda aufgesetzt hat, ist ein Erfolg, den ich auch für den BVDW in Anspruch nehmen möchte. Auch wenn die Ausgestaltung, wie bereits dargelegt, den Anforderungen einer modernen Industrienation auf ihrem Weg der digitalen Transformation in der vorliegenden Form nicht gerecht wird. Hier bleiben alle mit der Digitalen Agenda befassten Ministerien hinter den Anforderungen zurück. Wir stehen im direkten Dialog mit allen Beteiligten, auf politischer wie auf fachlicher Ebene. Doch der Austausch zwischen der Digitalen Wirtschaft und den politischen Entscheidungsträgern in Berlin und Brüssel hat sich in den vergangenen 24 Monaten deutlich ausgeweitet. Gleichzeitig haben wir unser politisches Engagement auf nationaler wie auch europäischer Ebene ausgebaut und unsere Netzwerke gestärkt. Zudem sehen die Mitglieder des BVDW die steigende Bedeutung der Politik für die Zukunftsfähigkeit der Digitalen Wirtschaft und investieren in die politische Kommunikation. Das macht mich zuversichtlich, dass die Digitalpolitik der Bundesregierung und auch der EU sich langsam, aber sicher in die diese Richtung dreht.

Sie waren Vorstand der United Internet Media AG und bei 1&1. Die Liste deutscher Unternehmen, die auf der digitalen Landkarte weltweit eine Rolle spielen, ist dennoch überschaubar. Welche Gründe, außer dem eingangs erwähnten „Verbot“, gibt es für diesen Rückstand deutscher Firmen bei digitalen Entwicklungen?

Es stimmt einfach nicht, dass wir in Deutschland keine leistungsstarken Unternehmen im digitalen Bereich haben.

Matthias Ehrlich: Natürlich hat diese Entwicklung mit unterschiedlichen politischen und  kulturellen Rahmenbedingungen zu tun. Themen wie zum Beispiel Datenschutz und massive steuerliche Förderung auf der einen und eine mentalitätsbedingt freudigere  Innovations- und Gründerkultur mit einer ausgeprägteren unternehmerischen Risikobereitschaft auf der anderen Seite haben dazu geführt, dass die Internetbranche in den USA sich deutlich früher und schneller entwickelt hat als bei uns. Und sicher mussten die US-amerikanischen Internetunternehmen im eigenen Markt auch nicht gegen einen vergleichbaren Widerstand der klassischen Medienindustrie ankämpfen wie bei uns – pragmatisch hat man dort das Auge mehr auf die Chancen und Potenziale als auf die mögliche Bedrohung des eigenen, angestammten Geschäfts gerichtet.

Aber, es stimmt einfach nicht, dass wir in Europa und vor allem Deutschland keine leistungsstarken und relevanten Digitalunternehmen haben – ich selbst habe zuletzt über zehn Jahre für ein solches gearbeitet. Ich würde mir wünschen, dass gerade unsere Medien ihren Fokus deutlich mehr auf die vielseitige und erfolgreiche mittelständische deutsche Digitalwirtschaft richten würden, statt immer nur über den großen Teich zu schielen und anschließend alles auszublenden oder kleinzuschreiben, was nicht globale Weltmarktbedeutung hat. Ein bisschen mehr Selbstvertrauen in die eigenen Stärken würde uns schon gut zu Gesicht stehen.

Lässt sich dieser Rückstand überhaupt noch aufholen?

Matthias Ehrlich: Ich halte es mit Konfuzius: Beklage Dich nicht über die Dunkelheit – zünde eine Kerze an.

Matthias Ehrlich ist seit Juni 2013 Präsident des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V., dessen Präsidium er seit 2007 angehört. Der im Projekt- und Beteiligungsgeschäft tätige Unternehmer zählt zu den renommiertesten Digital- und Media-Experten der deutsch­sprachigen Medienwirtschaft mit jahrzehnte­langer Expertise im Bereich der Unternehmens­führung und Strategieentwicklung. Ehrlich engagiert sich seit über zehn Jahren maßgeblich im erfolgreichen Auf- und Ausbau der Digitalwirtschaft in Deutschland.

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