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Beim E-Government könnte der Staat stärker vorangehen

Im Interview spricht Professor August-Wilhelm Scheer über die Kooperation mit SAP und wo Deutschland bei der digitalen Transformation hinterherhinkt.

Die digitale Transformation ist ein umfassender Veränderungsprozess, der die Gesellschaft als auch Unternehmenswelt betriff. Als Basis dienen Technologien (Infrastruktur und Software), die neue Geschäftsmodelle und Wertschöpfungen kreieren. Dies erfordert aber neue Geschäftsprozesse.

Die Scheer Group hat sich unter anderem hierauf spezialisiert und berät Organisationen aus unterschiedlichen Branchen und Bereichen. Professor August-Wilhelm Scheer, Inhaber und Geschäftsführer der Scheer GmbH, ist in der Software- und Beratungsbranche eine bekannte Größe. Das zeigt nicht zuletzt seine Auszeichnung als herausragender Wissenschaftler der angewandten Informatik und seine Berufung in die sogenannte Hall of Fame der deutschen Forschung Anfang November durch das Manager Magazin in Kooperation mit Merck.

In diesem Interview spricht Scheer über aktuelle Entwicklungen in der Robotik, über künstliche Intelligenz und die Zusammenarbeit mit SAP. Schließlich appelliert der versierte Saxophonspieler an die künftige Bundesregierung, sich stärker für die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung zu engagieren.

Professor Scheer, die Scheer Group hat im September zum vierten Mal den Digital World Congress veranstaltet. Was ist das Ziel des Kongresses?

August-Wilhelm Scheer: Der Scheer Digital World Congress bietet Kunden und anderen Interessierten eine Plattform für innovative Strategien, neue Geschäftsmodelle, Business-Lösungen und Technologien der Zukunft. Im Mittelpunkt stehen Praxisvorträge, Experten-Talkrunden und Beispiele erfolgreicher Projekte im Rahmen der digitalen Transformation. Die Unternehmen der Scheer Gruppe und ihre Partner zeigen dabei gemeinsam mit Kunden zielführende Wege auf, wie Unternehmen individuell die Chancen der Digitalisierung nutzen können.

Der Begriff künstliche Intelligenz (KI) fällt immer wieder im Zusammenhang mit Digitalisierung. KI wird allerdings bereits seit Jahrzehnten der Durchbruch prophezeit, ohne dass dieser wirklich eintrat. Wann ist mit einer breiten Anwendung von KI zu rechnen?

Scheer: Bereits heute wird KI in vielen Bereichen eingesetzt. Dies wird für den Verbraucher allerdings oft nicht ersichtlich. Aktuell haben Unternehmen wie Google, Facebook und Amazon KI zu ihrem Fokusthema gemacht, wodurch KI Einzug in viele Endprodukte hält, beispielsweise in die Sprachsteuerung von elektrischen Geräten und das autonome Steuern von Fahrzeugen. KI hat damit längst den Sprung von der Wissenschaft in das tägliche Leben der Menschen gemacht und wird dadurch auch immer mehr in die tägliche Wahrnehmung rücken. Im Bereich der Unternehmenssoftware wird KI, unter anderem durch Technologien wie Robotic Process Automation (RPA), den nächsten großen Schritt bei der Automatisierung von Aufgaben und Prozessen einläuten.

Welche Anwendungsfelder werden von künstlicher Intelligenz profitieren?

Scheer: Die Anwendung von KI wird sich quer durch alle Branchen und Anwendungsfelder erstrecken. Schwerpunkte werden insbesondere Aufgaben sein, die nach keinem festen Regelwerk ablaufen und daher heute noch manuell oder nur teilautomatisiert durchgeführt werden. Eine entscheidende Neuerung wird die vollständige Automatisierung von Entscheidungen sein.

Ein weiteres Thema, das auf dem Kongress angesprochen wurde, ist die erwähnte Robotic Process Automation. Welche Aufgaben werden Bots heute und in näherer Zukunft übernehmen?

Scheer: Software-Roboter werden überall dort zum Einsatz kommen, wo heute noch Menschen an der Schnittstelle zwischen Systemen Routineaufgaben wahrnehmen. Typische Anwendungsfelder finden sich an der Schnittstelle zum Kunden und im Bereich von Legacy-Systemen, die oft über keine adäquaten Schnittstellen verfügen.

Welche Rolle spielt dabei die Standardisierung von Schnittstellen und Anwendungen?

Scheer: Durch den Einsatz von RPA wird die durchaus weiterhin notwendige Standardisierung von Schnittstellen und Anwendungen in vielen Bereichen in den Hintergrund treten. RPA zeichnet sich gerade dadurch aus, die vorhandenen User-Interfaces analog zu einem menschlichen Benutzer als Schnittstellen zu verwenden und gegenüber Änderungen an diesen Interfaces robust zu sein.

Ein zentraler Aspekt, der im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz und Robotik auftaucht, betrifft die rechtlichen Auswirkungen. Wer haftet für den Einsatz von künstlicher Intelligenz, wenn es zum Beispiel zu einem Unfall kommt oder rechtliche Konsequenzen aus der „Handlung“ der KI drohen?

Scheer: Die juristische Beurteilung dieser Sachverhalte ist komplex und kann heute, auch aufgrund fehlender Rechtsgrundlagen und Musterurteile, nicht abschließend beantwortet werden. Generell kann davon ausgegangen werden, dass die gängige Rechtsprechung adaptiert werden wird. Besondere Bedeutung wird dabei der Frage zukommen, wer für die durch die KI autonom getroffenen Entscheidungen verantwortlich und haftbar ist: Implementierer, Betreiber oder Nutzer. Die Diskussion über diese Sachverhalte müssen wir derzeit noch den juristischen Experten überlassen.

Die Scheer Group ist ein Consulting- und Softwarehaus, das bei der Integration von SAP S/4HANA unterstützt und enger Partner von SAP ist. Viele mittelständische Unternehmen tun sich schwer darin, den Nutzen von S/4HANA zu erkennen. Welche Erfahrungen hat man bei Scheer mit S/4HANA und dessen Einsatz im Mittelstand gesammelt?

Scheer: S/4HANA wird von SAP als schlank bezeichnet, da keine redundanten Daten vorhanden sind; es soll schneller sein, da es eine höhere Performance aufgrund der HANA-Technologie bietet; es ist ergonomischer, aufgrund der verbesserten rollenbasierten Benutzeroberfläche auf Basis von Fiori; sowie smarter, da es eine Integration von bestehenden Lösungen wie SCM und CRM in einer Lösung bietet.

August Wilhelm Scheer, Scheer Group

„Insgesamt könnte der Staat beim E-Government noch stärker mit gutem Beispiel vorangehen. Hoffentlich macht die neue Bundesregierung dies zum Kernthema!“

Prof. August-Wilhelm Scheer, Scheer GmbH

Für den Mittelstand wird die neue rollenbasierte Oberfläche sowie die Integration von Analysemöglichkeiten im transaktionalen Umfeld, Stichwort transaktionale und analytische Fiori-Apps, sehr positiv beurteilt. Durch die neue agile Vorgehensweise mit vordefinierten Szenarien werden Projekte im Sinne eines Prototyping mit einer Fit-/Gap-Analyse zu den Unternehmensanforderungen durchgeführt. Dies kommt dem Anspruch im Mittelstand sehr entgegen. Aufwendige Lastenheft- und Pflichtenheft-Diskussionen entfallen, ausgehend von einer Fit-to-Standard-Analyse. Diesen Ansatz fährt die Scheer GmbH mit dem Scheer Performance Ready seit Jahren erfolgreich.

SAP bietet die In-Memory-Plattform HANA seit rund sieben Jahren an. Wie hat sich SAP in diesem Zeitraum im Hinblick auf HANA entwickelt?

Scheer: SAP hat mit der In-Memory-Plattform HANA die Basis für die Vernetzung im Internet der Dinge gelegt. SAP S/4HANA ist, wie SAP es beschreibt, der digitale Kern, der das Backbone für alle anderen Anwendungen liefert. Hinzu kommt, dass SAP seine Cloud-Produkte, auch das ERP in der Cloud [SAP S/4HANA Enterprise Management Cloud], sehr stark positioniert und auch Kunden erkennen nach anfänglichem Zögern die Vorteile des Cloud Business – auch wenn noch starke Vorbehalte bezüglich der Datensicherheit bestehen.

Welche Rolle spielen die Themen KI und Prozessautomatisierung bei der Zusammenarbeit mit SAP?

Scheer: Die Themen KI und Robotic Process Automation hat SAP unter dem Titel Leonardo zusammengefasst. Neben der Kooperation von Unternehmen aus der Scheer Gruppe mit der SAP, unter anderem im Bereich Predictive Analytics, verfolgen wir auch einen eigenständigen RPA-Ansatz auf Basis unserer Plattform BPaaS.

Insgesamt entsteht der Eindruck, dass deutsche und europäische Unternehmen bei der Entwicklung und dem Einsatz digitaler Technologien und Strategien hinterherhinken. Stimmt der Eindruck?

Scheer: Leider trifft dieser Eindruck für eine relevante Anzahl von Themen und Unternehmen zu. Bei der digitalen Transformation besteht nach wie vor Nachholbedarf. Kern des Problems ist die Investitionsbereitschaft: Wir brauchen in Deutschland dringend mehr Investitionen in die Digitalisierung. Dazu gehört auch, dass durch die Politik die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden, unter anderem beim Ausbau der Netze und notwendige digitalisierungsfreundliche gesetzliche Regelungen.

Können Sie uns Beispiele nennen, wo die Digitalisierung in Deutschland Wirklichkeit ist?

Scheer: Neben Erfolgen im Online-Shopping, das allerdings nach wie vor durch Unternehmen wie Amazon dominiert wird, finden wir gute Ansätze im Bereich des digitalen Bürgerservice der Behörden. In vielen Gemeinden in Rheinland-Pfalz können beispielsweise die Zeiträume für die Leerung der Mülltonnen mithilfe eines Tarifrechners online durch den Bürger selbst optimiert werden.

Ebenso gibt es Beispiele im Bereich von Urkundenbeantragung, zum Beispiel bei Geburtsurkunden, oder der Steuererklärung, etwa bei ElsterOnline. Aber insgesamt könnte der Staat beim E-Government noch stärker mit gutem Beispiel vorangehen. Hoffentlich macht die neue Bundesregierung dies zum Kernthema!

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Artikel wurde zuletzt im November 2017 aktualisiert

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