Die Benutzererfahrung (UX) mit Fiori ist das Gesicht von SAPs Zukunft

In diesem Interview erläutert Shaun Syvertsen von Convergent IS die Ursprünge von SAP Fiori UX und worauf Firmen beim Implementieren achten müssen.

Dieser Artikel behandelt

SAP ERP

Der kanadische SAP-Dienstleister Convergent IS unterstützt Unternehmen bei der Implementierung von SAP S/4HANA...

und Fiori und nutzt beide Technologien selbst. In diesem Interview erklärt Convergent Managing Partner Shaun Syvertsen, warum SAP gezwungen war, die Fiori Benutzererfahrung (UX) zu entwickeln – und wie Unternehmen mit der Implementierung starten sollten.

Herr Syvertsen, Sie haben sich intensiv mit SAP-Produkten beschäftigt. Warum glauben Sie pusht SAP Fiori UX so?

Shaun Syvertsen: Die grafische Benutzerschnittstelle für SAP, die SAP GUI, ist ein grundlegendes Problem, mit dem SAP schon seit längerer Zeit zu kämpfen hat. Bislang haben die Verantwortlichen den Kopf in den Sand gesteckt. Die Leute beschweren sich über das User Interface (UI), aber SAP sagt im Prinzip nur: Wenn sie es immer wieder kaufen, wo liegt das Problem? Das ist natürlich eine logische Argumentation. Die Leute kaufen es immer noch, aber niemand mag die GUI wirklich. Das Problem für SAP ist: In der Zwischenzeit sind Konkurrenten wie Workday und NetSuite aufgetaucht – und haben deutlich benutzerfreundlichere GUIs. Wenn Sie jemanden vor eine SAP GUI setzen, der unter 30 Jahre alt ist, wird er ein wenig zusammenzucken, weil die GUI im Vergleich zu einem modernen Standard wirklich schrecklich ist.

Um dieses Problem zu lösen, steckte SAP erheblichen Aufwand in die Fiori UX Entwicklung?

Syvertsen: Das Klügste, was SAP aus meiner Sicht getan hat, war, dass sie eine Reihe smarter Leute mit bunten Haaren angeheuert haben. Die stammten nicht aus Walldorf, sondern aus Palo Alto. Und das waren tatsächlich Leute, die diese neue Benutzerführung geschaffen haben. Noch wichtiger ist: Sie sind nicht einfach in eine SAP-Abteilung gegangen und haben es dort ausprobiert. Stattdessen haben sie tatsächlich – für SAP-Verhältnisse ungewohnt – SAP-Kunden aufgesucht und sie gefragt, was sie möchten. Sie haben sozusagen Feldforschung betrieben, sind hinausgegangen und haben über mehr als 1.000 Kunden in 300 Unternehmen befragt: Was nutzen Sie am meisten? Was gefällt Ihnen? Was gefällt Ihnen nicht? Was ist schwer? Was ist einfach? Und daraus wurde Fiori geboren.

Sie glauben also, SAP brauchte ein neues GUI, um mit anderen Schritt zu halten oder es würde hinter den ERP-Wettbewerb zurückfallen?

Syvertsen: Ich glaube wirklich, dass der Anlass für Fiori die anderen ERP-Systeme waren, die eine anständige Benutzeroberfläche hatten und die SAP-Manager sahen, dass sie Marktanteile verlieren und die Gewinnraten schrumpfen. Sie haben weltweit vielleicht das robusteste und das solideste ERP-System mit den meisten Funktionaliäten. Aber wenn die Leute es nicht kaufen, weil sie es nicht mögen, es zu benutzen, ist das problematisch. Ich denke, dass hat letzlich den Ausschlag gegeben.

Glauben Sie, dass SAP-Kunden Fiori bald in größerem Ausmaß nutzen?

Syvertsen: Ich bin sicher, das wird länger dauern, als es sich die SAP-Manager wünschen, denn die meisten Organisationen sind bei solchen Umstellungen nicht sehr schnell. Nur einige wenige sind wirklich flott, wenn es um Veränderungen geht. Einem unserer Kunden konnten wir beispielsweise helfen, sein Unternehmensportal in einem Zeitraum von vier oder fünf Monaten komplett zu ersetzen. In dieser Zeit implementieren manche Leute gerade ihr erstes Paar Fiori-Kacheln. Wie schnell der Umstieg auf Fiori läuft, hängt davon ab, wie agil eine Organisation ist, wie sie ihr Geld ausgeben, wie sie mit ihren Partnern zusammenarbeiten und wie sie Entscheidungen treffen.

Was zeichnet allgemein eine erfolgreiche Fiori-Umsetzung aus? Ist es letztendlich nicht eine ziemlich grundlegende Änderung?

Syvertsen: Bei den Kunden, mit denen wir gearbeitet haben, waren diejenigen am erfolgreichsten, bei denen eine Führungskraft die Impementierung vorantrieb. Das muss nicht notwendigerweise der CEO sein, obwohl einige unserer Kunden CEOs hatten, die sich dabei ziemlich engagiert haben. Der Grund: Sie gewinnen an Ansehen, wenn es ihnen gelingt, die Geschwindigkeit für Business-Prozesse durch die Verbesserung der Benutzererfahrung zu steigern. Indem sie SAP beispielsweise mobil machen. Ich denke, dass die Organisationen, die sich ein wenig mehr abgemüht haben, diejenigen sind, deren Führungskräfte fragen: Was ist der Business Case? Und meine übliche Antwort lautet: Was ist Ihr Business Case für ein Smartphone? Letztlich kommt es darauf an, die Benutzerfreundlichkeit und die Geschwindigkeit zu steigern – wie viel schneller können Sie zum Beispiel Genehmigungen erledigen oder wie viel schneller erhalten Sie einen kleinen Bericht auf Ihrem Smartphone.

Shaun Syvertsen,
Convergent IS

Brauchen Sie für zögerliche Führungskräfte manchmal ein wenig mehr Überzeugungskraft?

Syvertsen: Sicher. Einer unserer Kunden war beispielsweise ein wenig skeptisch, was Fiori betrifft. Der CFO musste alle paar Monate nach einem SAP-Techniker rufen, der seine Hand hielt, wenn er eine dieser kostspieligen Bestellungen zu genehmigen hatte, und er fühlte sich jedes Mal dumm dabei. Dann konnte er das auf seinem Blackberry erledigen – und es gab kaum mehr Fragen über den Business Case für die nächsten Apps.

Können Unternehmen die Impementierung oder einen Teil davon selbst übernehmen?

Syvertsen: Sicher können die Leute versuchen, bestimmte Dinge auf eigene Faust zu erledigen. Sie können es von SAP herunterladen und versuchen, ihre eigenen Wege zu gehen. Ich habe Leute gesehen, die in etwa acht oder sechs Monaten ihre ersten Anwendungen erstellt haben und dann damit in die Produktion gingen. Aber es ist nicht einfach für Leute, die das noch nie zuvor getan haben. Wir werden deshalb oft beim ersten Mal engagiert, aber später wird es sehr viel einfacher und wir werden dann nicht mehr so oft gebraucht.

Welche Anwendungen sind bei neuen Fiori-Implementierungen die beliebtesten?

Syvertsen: Einige der häufigsten Anwendungen, die ich persönlich als „niedrig hängende Früchte“ bezeichne, sind Apps für den Self-Service von Mitarbeitern. Das sind Apps, über die Sie beispielweise Ihre Lohnabrechnung erhalten, Ihre Arbeitszeit über das Smartphone eintragen oder Ihren Urlaubsantrag stellen. Das alles machen Sie, während Sie zuhause am Tisch sitzen, statt es in ein oder zwei Tagen, wenn Sie wieder im Büro sind, zu vergessen. Weitere beliebte Apps haben die Supply Chain zum Thema, wie etwa die Genehmigung von Bestellungen.

Gibt es auch Pessimisten, sobald Sie damit loslegen?

Syvertsen: Es ist ein wenig gemischt. Es gibt eine Menge von SAP-Kunden, die noch nicht wissen, was Fiori ist, und das Bewusstsein dafür ist wirklich der Schlüssel für Fiori. Und es gibt eine Menge von Geschäftsanwendern, die glauben, dass Benutzererfahrung überflüssiger Unsinn ist. Aber an einem gewissen Punkt ist das einfach nicht mehr richtig. Ich würde sagen, dass solche Organisationen nur langsam begreifen werden, um was es dabei geht. Sie werden dabei enden, dass sie dafür bezahlen, wenn sie versuchen, eine neue Funktion in SAP mit der SAP GUI auszurollen. Denn dafür müssen sie die Nutzer tagelang trainieren. Und es dauert Wochen, bis sie kompetent sind. Geben Sie ihnen Fiori – und es braucht weniger Zeit.

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Artikel wurde zuletzt im März 2016 aktualisiert

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