Open Source BI: ernsthafte Alternative zu traditionellen Angeboten?

Open Source BI ist in Deutschland seit über zehn Jahren vertreten. Einige BI-Angebote sind dabei bereits ausgereift, andere müssen noch weiterentwickelt werden.

Dieser Artikel behandelt

BI-Technologie

Einige der ersten sichtbaren Anfänge des Marktphänomens Open-Source-Software für Business Intelligence können im...

deutschsprachigen Raum auf den Anfang der 2000er-Jahre datiert werden. 2001 wurde beispielsweise am Lehrstuhl für künstliche Intelligenz an der Technischen Universität Dortmund der Vorläufer des Produkts RapidMiner unter dem Namen YALE („Yet Another Learning Environment“) entwickelt. 

Die Freiburger Firma Jedox, einer der sichtbarsten Vertreter des Modells Commercial Open Source, wurde 2002 gegründet. Diese Initiativen erlangten zunächst nur eine eingeschränkte Bekanntheit in wissenschaftlichen Zirkeln und bei Entwicklern. Das Jahr 2004 markiert mit der Bündelung verschiedener Initiativen durch die von Venture Capital finanzierten Firmen Pentaho und JasperSoft sowie der Veröffentlichung von Eclipse BIRT durch den etablierten Business-Intelligence-Anbieter Actuate einen Wendepunkt der Entwicklung in den USA. 

Der Markteintritt von Pentaho erfolgte in Deutschland ca. Ende 2005 mit einigen Partnern. Allerdings beschränkte sich in diesen Anfangsjahren das Interesse nach unserer Wahrnehmung vorwiegend auf Entwickler und Open-Source-Communities. Erst seit 2008 wurde der Marktauftritt in Deutschland durch eigene Vertriebsmitarbeiter begleitet. Der Markteintritt von Jaspersoft wurde mit der deutschen Sprachversion ebenfalls 2008 vorbereitet und seit 2009 durch eigene Mitarbeiter unterstützt. Anders stellt sich die Situation bei Eclipse BIRT dar, das aufgrund der vorhandenen Marktpräsenz von Actuate durch eine bereits vorhandene Vertriebsorganisation in den Markt getragen wurde.

Ein breiteres Interesse an Open-Source-Business-Intelligence-Software in allen Interessengruppen des Software-Marktes kann seit ca. 2007/2008 festgestellt werden. Gründe hierfür sind die zunehmende Reife der Produkte sowie eine Professionalisierung der Anbieter mit verstärkten Investitionen in Produktentwicklung und vor allem auch Marketing und Vertrieb im deutschsprachigen Raum.

Vorteile

Da die Software – zumindest der frei verfügbare Teil – im Internet für Jedermann zum Herunterladen angeboten wird, können umfangreiche Testmöglichkeiten vor einem Lizenzkauf genutzt werden. Dies unterscheidet Open Source grundsätzlich von kommerzieller Software, die entweder nur nach umfangreicher Registrierung, für einen limitierten Zeitraum oder im Rahmen einer Teststellung durch den Hersteller ausprobiert werden kann. Zusätzlich entfällt eine Nachlizenzierung bei Erhöhung der Anwenderzahl und die ständige Kontrolle der Anzahl und Nutzungsart vorhandener Lizenzen.

In Open-Source-Produkten werden die Grundfunktionen für Business Intelligence - insbesondere für Standard-Reporting - kostenfrei angeboten. Kommerzielle Hersteller bieten noch relativ selten kostenfreie Einstiegsversionen ihrer Lösungen an, schränken zudem diese Angebote meist stark ein.

Neben der kostenfreien Verfügbarkeit grundlegender Funktionen weisen die „kommerziellen“ OSBI-Produkte vergleichsweise günstige Listenpreise auf. In der Praxis setzen die meisten Unternehmen, die OSBI professionell betreiben, auf die mit Support erhältlichen Lösungen und sparen so einen Teil der Lizenzkosten ein. Allerdings sind gerade in der jüngeren Vergangenheit hohe Rabatte der eingesessenen BI-Hersteller zu beobachten, gerade wenn es darum geht, sich gegen OSBI zu behaupten. Daher kann sich dieser Vorteil relativieren und die Gesamtkosten müssen vor dem Hintergrund der unten genannten Nachteile abgewogen werden. Trotzdem kann dies natürlich jeder Kunde zu seinem Vorteil nutzen. 

Durch die teilweise mögliche Kombination von kostenfreien und kommerziellen Produkten können die Lizenzkosten weiter reduziert werden. So kann gegebenenfalls bereits ein Teil der Anwender mit den kostenfreien Lösungen zu-friedenstellend arbeiten, und nur für ausgewählte User wird die kostenpflichtige Version lizenziert. Allerdings sollte die Durchgängigkeit zwischen Community-Version und Lizenz-Version und zwischen Open-Source- und Closed-Source-Lösungen der Commercial-Open-Source-Anbieter vor dem Kauf geprüft werden. Zudem ist von manchen Komponenten keine OS-Version verfügbar. 

Meist sind Open-Source-Lösungen umfangreich anpassbar und erreichen so eine hohe Integrationsfähigkeit in vorhandene Applikationen. Dies kommt vor allem anderen Software-Anbietern und Entwicklungsabteilungen zugute, die dadurch ihre Lösungen flexibel und kostengünstig mit BI-Funktionen ergänzen können. 

In der Theorie ermöglichen die OS-Communities eine schnelle Fehlerfindung und den Austausch von Templates. Praktisch sind die verschiedenen Anwendergruppen sehr unterschiedlich aktiv, und dieser Austausch ist natürlich nur in Bezug auf die kostenfreie Variante der Software möglich. 

Nachteile

Einer der Nachteile von vielen OSBI-Angeboten ist, dass BI-Anwendungsgebiete nur zum Teil abgedeckt und der Aufbau breiter Open-Source-BI-Suiten noch im Gange ist. Anwender können also weder für alle Aufgabenbereiche der Business Intelligence ein Open-Source-Produkt erwarten noch Angebote, die mehrere Aufgabenbereiche tatsächlich integriert abdecken. Allerdings sind auch die kommerziellen Anbieter hier unterschiedlich weit fortgeschritten.

Zudem ist der Reifegrad der Open-Source-Lösungen stark unterschiedlich zwischen den einzelnen Anbietern mit ihren Produkten bzw. BI-Projekten ausgeprägt. Generell weisen Closed-Source-Anbieter und  Produkte eine längere Historie auf, was in der Regel auch zu einer höheren Funktionsvielfalt und Reife führt, die sich beispielsweise in Betriebsstabilität und Einsatzvariabilität niederschlägt.

Gerade Commercial-Open-Source-Anbieter mit eigenen Entwicklungsressourcen weisen allerdings teilweise eine recht hohe Entwicklungsdynamik auf, um Funktionsvielfalt und Reife der betreuten Lösungen schnell zu erhöhen. Als Nachteil daraus entsteht jedoch oft ein erhöhter Testaufwand auf Kundenseite beim Wechsel von einem Release zum nächsten.

Derzeit ist das Geschäftsmodell vieler Anbieter nicht endgültig verifiziert. Die Finanzierung der Firmen erfolgt großenteils durch Wagniskapital und es scheint vor dem Hintergrund der aktuell geringen Umsatzerlöse der Hersteller kaum möglich, dass hier operativ Gewinn erzielt wird. Daher muss sich das Geschäftsmodell der OSBI-Hersteller erst noch bewähren und steht unter dem Risiko der Änderung. Zu beobachten ist, dass die meisten Anbieter inzwischen ein ähnliches Subskriptionsmodell mit jährlichen Gebühren für die Lizenz-Software und Support anbieten.

Initiale Lizenzkosten sind erfahrungsgemäß nur ein (meist kleiner) Teil der Gesamtkosten eines BI-Projekts. Einen Großteil der Folgekosten verursachen Implementierung, Weiterentwicklung und Wartung der BI-Applikation. Vor diesem Hintergrund müssen Aufwand für Implementierung sowie Betreuung der Lösungen und damit verbundene die Interessen der am Projekt beteiligten Parteien genau abgewogen und hinterfragt werden. Auch ist von Projekten mit zu langen Entwicklungszeiten ohne Umsetzung von Teillösungen abzuraten. Den höchsten Projekterfolg zeigen Business-Intelligence-Projekte, die nach drei und spätestens nach sechs Monaten die ersten Berichte an die Anwender liefern können. 

Auch wenn OSBI ein Marktphänomen darstellt, ist die Verfügbarkeit technischer Implementierungsunterstützung und Support nicht immer umfassend sichergestellt. Vor allem bei Spezialthemen wie der Anbindung bestimmter, wenig gängiger oder komplexer Datenquellen sind nur sehr wenige versierte Berater oder andere Anwendererfahrungen verfügbar. Viele kommerzielle Produkte können hier auf eine breiter ausgebildete Beraterbasis und langjährige Referenzen zurückgreifen. 

Die aktuelle Marktsituation für OSBI

Software-Hersteller und Lösungen für Open Source Business Intelligence etablieren sich seit einigen Jahren auf dem Software-Markt. Dies zeigt sich in der Professionalisierung von Entwicklung und Vertrieb, die sich z. B. in der Bündelung einzelner OSBI-Initiativen zu vollständigen Produktsuiten niederschlägt – deren technische Integration jedoch erst sichergestellt werden muss. 

Strukturen, Geschäftsmodell und Angebot der Open-Source-Anbieter weisen immer stärker die Eigenschaften der etablierten Closed-Cource-Anbieter auf. Dieses Verschwimmen der Grenzen zwischen freier und geschlossener Software wird noch verstärkt durch kostenfreie Einstiegsangebote etablierter Hersteller. So bietet beispielsweise MicroStrategy seine Reporting-Software für die Nutzung durch bis zu 100 Anwender kostenfrei an   oder Winterheller eine Ein-Platz-Lizenz des Professional Planner.

Weiterhin finden sich immer mehr Integrationen von OSBI-Komponenten in kommerzielle Lösungen. Vor allem wegen der relativ guten Anpassbarkeit nutzen etablierte Hersteller wie Sage Open-Source-Komponenten, um die Funktionen ihrer eigenen Lösung zu erweitern. So kommt bei Sage für das Datenmanagement Talend zum Einsatz.  Dies sehen wir auch vor dem allgemeinen Trend, dass transaktionale ERP- oder CRM-Systeme sehr gut durch spezialisierte Business-Intelligence-Werkzeuge ergänzt werden können. 

Funktionale Trends im Markt werden auf der Werkzeugebene aus unserer Sicht vor allem von Closed-Source-Herstellern vorangetrieben. So konnten neue Funktionen beispielsweise für die Attributanalyse zuerst bei Herstellern wie QlikTech oder Tibco Spotfire beobachtet werden. Ähnliches zeigt sich beim Thema Mobile BI, das die OSBI-Hersteller erst seit kurzem ebenfalls besetzen.

Der Reifegrad von Open-Source-Lösungen ist generell noch eingeschränkt, sowohl hinsichtlich der Breite als auch der Tiefe der funktionalen Abdeckung. Daher eignet sich ein Einsatz aus unserer Sicht vor allem bei entwicklungsorientierten Anforderungen, vor allem in den Bereichen Datenmanagement, Standardberichtswesen und Data Mining. Die nicht zu verachtenden Nachteile und Einschränkungen von Open-Source-Business-Intelligence-Lösungen führen wahrscheinlich zu einem weiteren Verschwimmen der Grenze zwischen Open und Closed Source. Das Marktzugangsmodell funktioniert aber offensichtlich, erkennbar an dem hohen Interesse bei allen Marktbeteiligten.

Über den Autoren:

Dr. Carsten Bange ist geschäftsführender Gesellschafter des Business Application Research Centers (BARC). Er ist seit mehr als 10 Jahren für nationale und internationale Unternehmen verschiedenster Branchen und Größen im Rahmen der Strategie- und Architekturberatung, Werkzeugauswahl und Qualitätssicherung in Business-Intelligence- und Datenmanagement-Projekten tätig. Als neutraler Beobachter des Softwaremarktes ist er ein häufiger Redner bei Tagungen und Seminaren sowie Autor zahlreicher Fachpublikationen und Marktstudien.

Patrick Keller ist Senior Analyst beim Business Application Research Center (BARC). Seine Spezialgebiete sind entscheidungsunterstützende Informationssysteme für Controlling-Anwendungen mit besonderem Schwerpunkt auf Business-Intelligence-Frontends und Web-Anwendungen.

Folgen Sie SearchEnterpriseSoftware.de auch auf Twitter, Google+ und Facebook!

Artikel wurde zuletzt im November 2010 aktualisiert

Pro+

Premium-Inhalte

Weitere Pro+ Premium-Inhalte und andere Mitglieder-Angebote, finden Sie hier.

Erfahren Sie mehr über BI-Technologie

Diskussion starten

Schicken Sie mir eine Nachricht bei Kommentaren anderer Mitglieder.

Mit dem Absenden dieser Daten erklären Sie sich bereit, E-Mails von TechTarget und seinen Partnern zu erhalten. Wenn Ihr Wohnsitz außerhalb der Vereinigten Staaten ist, geben Sie uns hiermit Ihre Erlaubnis, Ihre persönlichen Daten zu übertragen und in den Vereinigten Staaten zu verarbeiten. Datenschutz

Bitte erstellen Sie einen Usernamen, um einen Kommentar abzugeben.

- GOOGLE-ANZEIGEN

SearchSecurity.de

SearchStorage.de

SearchNetworking.de

SearchDataCenter.de

Close