Universitätsklinikum Bonn: Mit dem Laptop am Krankenbett

Das Universitätsklinikum Bonn verfügt über ein integriertes klinisches Arbeitsplatzsystem. Der stationäre Bereich ist mit Computern flächendeckend an dieses System angebunden.

Das Universitätsklinikum Bonn verfügt über ein hoch integriertes klinisches Arbeitsplatzsystem. Der stationäre Bereich ist mit kabelgebundenen Computern flächendeckend an dieses System angebunden. Darüber hinaus wird der Betrieb WLAN-gebundener, mobiler Geräte, etwa für Visiten, nach erster Erprobung zur Zeit auf weitere Stationen ausgedehnt. Am Universitätsklinikum entsteht somit ein datenbasiertes Dokumentations- und Unterstützungssystem, das Arzt und Patient entlang eines sogenannten Klinischen Pfades – von der Aufnahme bis zur Entlassung beziehungsweise Weiterbehandlung – begleitet. In dieser Form der Prozess-Steuerung liegt der Kern von Business Intelligence (BI) im Gesundheitswesen, da viele Prozesse – etwa in der Notaufnahme – bereits von hinterlegten Regeln im Sinne von Operational BI ausgelöst und begleitet werden.

Das Unternehmen

Das Universitätsklinikum Bonn (kurz: UKB) wurde zum 1. Januar 2001 als selbständige Anstalt des öffentlichen Rechts errichtet. Es trat damit an die Stelle der bisherigen medizinischen Einrichtungen der Universität Bonn. übernimmt mit rund 4.500 Mitarbeitern, darunter 468 Auszubildenden, in 53 Instituten und Kliniken Aufgaben in der Krankenversorgung (1.224 Planbetten) einschließlich der Hochleistungsmedizin und im öffentlichen Gesundheitswesen. Ppro Jahr werden über 43.500 Patienten stationär und über 160.000 ambulant behandelt. Darüber hinaus gewährleistet das Universitätsklinikum Bonn die Verbindung der Krankenversorgung mit den Bereichen Forschung und Lehre (2.590 Studenten der Medizin und Zahnmedizin) an der medizinischen Fakultät. 

In zahlreichen Forschergruppen und Sonderforschungsbereichen wird am UKB medizinische Spitzenforschung betrieben. Forschungsschwerpunkte sind die Genetische Medizin und Genetische Epidemiologie, Neurowissenschaften, Immunologie und Infektiologie sowie Hepato-Gastroenterologie und Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Hinzu kommen assoziierte Einrichtungen, zum Beispiel das Deutsche Zentrum für die Erforschung Neurodegenerativer Erkrankungen der Helmholtz-Stiftung, das Center of Integrated Oncology (CIO) Köln-Bonn der Deutschen Krebshilfe, das Haus für Experimentelle Therapie (HET), das Forschungszentrum LIFE & BRAIN GmbH und das Zentrum für Pharmaforschung Bonn. Die EDV-Unterstützung der Arbeit in allen klinischen Bereichen erreicht einen Durchdringungsgrad, der es erlaubt, Klinische Pfade nahezu komplett datentechnisch abzubilden. Das ermöglicht einen hohen Grad an Prozessdokumentation, aber auch die Steuerung und das Management dieser Prozesse. Ein Kern dieser „halbautomatischen“ Steuerung ist derzeit in der interdisziplinären Notfallaufnahme des Klinikums realisiert.

Klinische Pfade

Klinische Pfade werden im Gesundheitsbetrieb als eines der Werkzeuge angesehen, die dazu beitragen, eine definierte, reproduzierbare Qualität aller patientenorientierten klinischen Maßnahmen auch in Zeiten zunehmender wirtschaftlicher Herausforderungen zu gewährleisten. Sie definieren die klinischen Schritte, die erforderlich sind, einem Pptienten in einer festgelegten medizinischen Ausgangssituation die erforderliche Versorgung in adäquater Zeit zukommen zu lassen. klinische Pfade erleichtern ein einheitliches Handeln einschließlich der Dokumentation. Sie sind Bestandteil der Patientenakte, unabhängig davon, ob diese elektronisch oder papiergestützt geführt wird. Am Universitätsklinikum Bonn laufen gegenwärtig Bestrebungen, zum einen, jedem Patienten einen klinischen Pfad zuzuweisen, und zum anderen, diesen weitgehend papierlos abzubilden. An einigen Stellen, etwa in der Notfallaufnahme, ist die Dokumentation bereits so weit ausgeprägt, dass sie operativen Charakter hat.

Operational BI

In der Bonner Notfallaufnahme kommt ein standardisiertes Verfahren zur Ersteinschätzung des Behandlungsbedarfs der Notfallpatienten zum Einsatz. Die Ersteinschätzungslösung trägt Züge von Operational BI: Anhand der Eingabe von Informationen wie Art der Verletzung, Ansprechbarkeit des oder aktuelle Vital-Werte wird ein Scoring berechnet, das den Ärzten auf einem großen Display (Dashboard) in der Einsatzzentrale die Dringlichkeit – etwa von „sofort“ bis „hat eine Stunde oder länger Zeit“ – für die einzuleitenden Maßnahmen anzeigt. Anhand der dokumentierten Daten des Aufnahmescreenings werden Abläufe gesteuert, die beim Über-schreiten bestimmter punktwerte Ereignisse auslösen. Dies ist auch in anderen Bereichen des UKB realisiert: So wird zum Beispiel bei bestimmten orthopädischen eingriffen die Besorgung eines Platzes in der Rehaklinik ausgelöst – weil die Daten innerhalb des Klinischen Pfades dies nahe legen. Die Pflegeanamnese bietet dem Pflegepersonal ein unumgehbar in den Aufnahmeprozess integriertes Assessment zur Erfassung des Nachsorgebedarfs. Dieses Assessment errechnet auf Basis der eingaben des Pflegepersonals in einem modifizierten „Blaylock risk Assessment Screening Score“ unter- oder Überschreitung eines Schwellenwertes. Bei Überschreitung ermöglicht der Pfad programmgesteuert die Auslösung einer Nachsorgeleistung. eine übermäßige Inanspruchnahme des Sozialdienstes und das Vergessen notwendiger Nachsorgeschritte werden vermieden.

Papierlose Klinik

Mobile Laptops und fest installierte Rechner machen es möglich: Die erste Station am Bonner Universitätsklinikum arbeitet komplett papierfrei. Statt der üblichen Ordner gibt es eine elektronische patientenakte. Vom Laborwert bis zur Anordnung von Medikamenten sind wichtige Informationen jederzeit passwortgeschützt im PC abrufbar. Gerade im Nachtdienst, wenn schnelle Entscheidungen erforderlich sind, ist das ein unschätzbarer Vorteil. Durch die positive Bilanz des Projektes nach einem Jahr werden demnächst weitere Abteilungen folgen und auch „papierfrei“ werden. Die Tests liefen auf der Station „Balint“ der Bonner Universitätsklinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Treibende Kraft ist die Abteilung „prozessmanagement“ innerhalb des Bereiches Unternehmensentwicklung. Diese Abteilung hat sich die ständige Verbesserung der IT-gestützten klinischen pfade aufs panier geschrieben. Die grundlegenden Weichen dafür waren mit dem 2004 eingeführten „Arbeitsplatzsystem“, das das Bonner Universitätsklinikum übergreifend vernetzt, bereits gestellt.

Im gemeinsamen Dialog der unterschiedlichen Berufsgruppen wurden von Klinik, Prozessmanagement und IT-Abteilung geeignete Module für den PC entwickelt, überprüft und verbessert. Zum Einsatz im UKB kommt dabei Software von Agfa Healthcare. Der Kern der gesamten prozessgesteuerten, ganzheitlichen Applikationslandschaft ORBIS ermöglichte den breiten Einstieg in die Nutzung von Workflows. ORBIS-Erweiterungen werden mit Hilfe der orbisspezifischen Werkzeuge „Formulardesigner“ und „Reportgenerator“ vorgenommen. Diese Addon´s werden von eigenen Programmierern des UKB eingesetzt und in Abstimmung mit den jeweiligen medizinischen Fachabteilungen optimiert und angepasst. Dabei wird jeder kleine Baustein, sobald er funktioniert, direkt freigegeben und das Team im Umgang damit geschult. Auf diese Weise werden Berührungsängste optimal abgebaut. Das System geht also über die reine Prozess-Steuerung sukzessive hinaus und öffnet sich zunehmend auch für analytische Themen. Laut Dr. med. Manfred Uerlich, Leiter der Abteilung Prozessmanagement innerhalb des Bereiches Unternehmensentwicklung, lag die besondere Schwierigkeit bei der Etablierung des Systems im Zusammenspiel der beteiligten IT- und Fachabteilungen, sozusagen beim „Faktor Mensch“. mit der schrittweisen Einführung werden jedoch Barrieren sukzessive abgebaut.

Elektronische Patientenakte

Über das elektronische Arbeitsplatzsystem können sich Ärzte, Pflegende und Therapeuten der Psychosomatischen Klinik passwortgeschützt ins Netz einloggen. Damit sich alle schnell zurechtfinden, ist die neue, elektronische Akte ihrer Patienten sehr einfach aufgebaut. Durch blinkende Farbfelder lässt sich auf einen Blick erkennen, wo dringend etwas geklärt werden muss. Über eine zentrale Suchfunktion kann sich jeder gezielt über das informieren, was für ihn wichtig ist. Musste die ganze Akte durchgeblättert werden, so genügt heute ein Stichwort zur Suche.

Ob Aufnahme eines Patienten, Teambesprechung oder therapeutische Einzelsitzungen: Das neue System fordert von allen Berufsgruppen eine sorgfältige, bewusste Dokumentation ihrer täglichen Arbeit. Aber was sich wie Mehrarbeit anhört, ist in der Praxis eine große Erleichterung. Denn elektronische Formulare machen das Erfassen von Daten effektiver. Das vermeidet unnötige Schreibarbeit, die früher bei jedem wiederholt werden musste.

Aus Gründen des Datenschutzes sind die hochsensiblen Informationen gerade im WLAN-Bereich durch spezielle Sicherungssysteme vor dem ungewollten Zugriff von außen wirkungsvoll geschützt. Die Bilanz des Projektes ist positiv, denn die tägliche Arbeit wird durch die elektronische Vernetzung der Station unterstützt. Die besondere therapeutische Leistung der Psychosomatischen Klinik bleibt aber so, wie es die Patienten bisher gewohnt sind.

Controlling

Die Einführung IT-gestützter klinischer Pfade am UKB erlaubt es, alle medizinischen Leistungen im System einem Behandlungsfall zuzuordnen. konnte früher hin und wieder eine Leistung vergessen werden, so gehen durch die Dokumentation in Masken und Formularen, die den Patienten auf dem gesamten Pfad begleiten, keine Maßnahmen verloren.

Ausblick und Zusammenfassung

Der Klinische ist in seinen Entwicklungsstufen grundsätzlich auch geeignet als Steuerungsinstrument in der Behandlung aller Patienten einer fachspezifischen Poliklinik. In dieser Form ist er frei anpassbar und übertragbar. Als Leitschiene für den Ablauf von Diagnostik und Therapie erlaubt er die zeitgerechte und vollständige Analyse der Patienten- und Diagnose- beziehungsweise prozedurbezogenen Maßnahmen und die daraus folgende Ausdifferenzierung zu deren Steuerung. ein weiterer, immer wichtiger werdender Einsatzbereich am Bonner Universitätsklinikum ist das Reporting auf Grund der Daten, die im Laufe des klinischen Pfades erhoben werden. 

Im medizinischen Bereich dürfte dies zu weiteren, qualitätssteigernden Standardisierungen der Behandlungsmethoden führen – da sich bestimmte Abzweigungen im Sinne von entscheidungsalternativen als besonders erfolgreich herausgestellt haben – und im ökonomischen Bereich zur dynamischen Identifikation von Einsparpotenzialen. Je mehr – auf Erfahrungswissen basierende – Regeln in einem solchen System hinterlegt werden können, umso eher lässt sich damit auch in einem medizinischen Betrieb mit dessen Spezifika Business Intelligence etablieren. Die Klinischen weisen dazu den Weg.

Über den Autor:

Ulrich Schmitz ist Chefredakteur der Fachzeitschrift BI-SPEKTRUM.

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Artikel wurde zuletzt im März 2010 aktualisiert

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