Schritt für Schritt zur Blockchain-Implementierung

Wer als IT-Experte nicht über Blockchain-Technologie Bescheid weiß, könnte ins Abseits geraten. Ein zweiteiliger Leitfaden zur Blockchain-Implementierung.

Bill Caraher hat eine Vision. Er erwartet den Tag vor, an dem Blockchain-Technologie die Authentizität von juristischen Dokumenten und Verträgen „belegen und zweifelsfrei beweisen“ kann. Für Caraher, CIO und Director of Operations bei Briesen & Roper, einer Anwaltskanzlei mit 250 Mitarbeitern, wäre dies ein enormer Entwicklungsschritt. Doch noch ist es nicht so weit.

Eine Blockchain ist im Prinzip nicht viel mehr als ein Peer-to-Peer-Netzwerk, das Transaktionen und andere Daten validieren und einen unveränderlichen Datensatz erstellen kann. Etwas technischer ausgedrückt, kann man sich eine Blockchain als eine erweiterbare Liste von Datensätzen – die Blöcke – vorstellen, die über kryptografische Verfahren miteinander verkettet sind.

„Die Technologie hat weitreichende Auswirkungen auf die Originalität und Authentizität von juristischen Dokumenten“, sagt Caraher. „Eine Blockchain-Implementierung kann zum Beispiel die Quelle von Dokumenten bestimmen und ihre Originalität, ihren Zustand, ihre Disposition, ihre Zerstörung oder nur den Index der wahren Geschichte darstellen. Die Technologie kann zu schnelleren Lösungen sowie zu einer besseren Beweisaufnahme führen und die Grundlagen für einen Fall etablieren.“

Caraher ist schon gespannt auf die Entwicklung von Technologien, die dazu beitragen, dieses Versprechen einzulösen. Aber wie viele der potenziellen Anwendungsfälle für Blockchain ist auch die von Caraher ausgemalte Vision noch nicht vollständig entwickelt oder fertiggestellt.

Bill Caraher Briesen and Roper

 „Eine Blockchain-Implementierung kann beispielsweise die Quelle von Dokumenten bestimmen und ihre Originalität, ihren Zustand, ihre Disposition oder ihre Zerstörung beweisen.“

Bill Caraher, von Briesen & Roper 

Tatsächlich sind potenzielle Anwendungsfälle ein beliebtes Thema unter Blockchain-Anhängern. Solche Diskussionen über Einsatzmöglichkeiten scheinen oft uferlos zu sein, da fast jedes diskutierte Thema ein neues Thema generiert. Das Sortieren und Ordnen sinnvoller Blockchain-Anwendungsfälle erfordert viel Aufwand. Hinzu kommt: Nur mit Anwendungen ist es nicht getan. Um einen Anwendungsfall in die Praxis umzusetzen, kommt als weiterer Schritt noch die Software hinzu - und in einigen Fällen, etwa bei IoT-Szenarien, auch noch die Hardware.

Letztendlich werden sich Unternehmen aber früher oder später damit befassen müssen, sagen Blockchain-Anhänger. Der Weg dahin führt über aufeinander abgestimmte und vernunftgeleitete Aktionen von CIOs, IT-Praktikern, IT-Anbietern und Entwicklern.

Auswirkungen auf verschiedene Branchen

Die Frage, wie dringlich die Inbetriebnahme dieser Technologie ist und ob sich eine IT-Abteilung an der Implementierung von Blockchain beteiligen sollte, hängt zu einem gewissen Grad von der Branche ab, in der sich das Unternehmen befindet. Bei Finanzdienstleistern wird die Technologie wohl am dringendsten benötigt. Wie die Begeisterung von Caraher aber zeigt, ist das Interesse an der Blockchain weit verbreitet.

Zu den Anbietern, die rund um die Blockchain aktiv sind, gehören sowohl breit aufgestellte IT-Konzerne wie Microsoft und IBM als auch kleine Nischenanbieter. Alle Anbieter sagen unisono, dass sie Anfragen aus praktisch allen Branchen bekommen. Neben Finanzdienstleistern und der Rechtsbranche gehören dazu Versicherungen, Versorgungsunternehmen, der öffentliche Sektor, Werbefirmen, Gesundheitswesen, Wirtschaftsprüfung, Supply Chain, Produktion und Immobilien.

„Unter besonderem Druck, sich mit Blockchain-Implementierungen befassen zu müssen, stehen Banken. Der Grund ist, dass sie gleich an drei Fronten massiv herausgefordert werden“, sagt Jeff Garzik, Mitentwickler des Bitcoin und Mitbegründer von Bloq, einem Softwareunternehmen, das Blockchain-Services entwickelt. „Erstens bringen Technologieunternehmen wie Apple und Google Payment-Software auf den Markt. Zweitens ermöglichen es Telekommunikationsunternehmen den Verbrauchern, ihre Mobiltelefone als Bankkonto zu nutzen, Rechnungen zu bezahlen und Geld zu versenden. Und drittens werden Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum, die auf Basis von Blockchain-Technologie funktionieren, gerade eingesetzt, um Banken ihre Existenzgrundlage zu nehmen.“ Dies ist ganz ähnlich wie wie bei Technologie- und Telekommunikationsunternehmen.

Garzik gibt aber zu bedenken, dass Banken als Vermittlerstellen nicht komplett abgeschafft werden, auch wenn sich die Blockchain-Technologie in diesem Segment fest etablieren wird. „Ihre Oma wird nicht ihren kompletten Besitz auf dem Smartphone speichern. Banken werden weiterhin existieren und Kredite sowie Finanzdienstleistungen erbringen. Bargeldähnliche Bitcoin- und Ethereum-Systeme können das nicht bieten.“

Yorke Rhodes, Global Business Stratege bei Microsoft, ist davon überzeugt, dass die Finanzdienstleistungsbranche einen Vorsprung bei der Entwicklung von Anwendungen für die Blockchain-Technologie hat. Der Grund: Die Finanzdienstleister wurden schon früh auf Bitcoin aufmerksam.

„Jetzt ist es für diese Leute einfach zu sagen: Nun, wir verstehen Bitcoin und die zugrunde liegende Technologie. Was können wir damit noch machen? Und, oh, übrigens, die Blockchain-Technologie könnte für unser Geschäft störender sein als Bitcoin, denn Bitcoin ist in Wirklichkeit nur ein Zahlungsmittel.“ Aber trotz des First-Mover-Status der Finanzdienstleistungsbranche werden viele andere Branchen von der Technologie profitieren.

Erste Schritte bei einer Blockchain-Implementierung

Wie lässt sich eine Blockchain implementieren? Garzik geht bei einer Blockchain-Implementierung von vier Stufen aus. Diese gelten unabhängig von der Branche, in der sich ein Unternehmen befindet:

  • In Stufe 1 wird ein Anwendungsfall identifiziert und ein Technologieplan ausgearbeitet.
  • Stufe 2 beschäftigt sich mit der Erstellung eines Proof of Concept (POC).
  • Darauf folgt Stufe 3 mit einem Feldversuch, bei dem ein begrenzter Produktionslauf mit kundenbezogenen Daten erfolgt. Dieser Produktionslauf wird anschließend intensiviert, um mehr kundenbezogene Produkte und Daten einzubeziehen.
  • In Stufe 4 erfolgt schließlich ein Rollout in der Produktion. Diese Stufte hat allerdings fast keine Organisation erreicht.

In Stufe 1 „lautet für die IT-Abteilung, die mit dem Gedanken einer Blockchain-Implementierung spielt, die pragmatischste Frage: Auf welche Produkte kann man die Blockchain anwenden, oder noch deutlicher gesagt: Auf welche kann man die Blockchain nicht anwenden?“, erklärt Garzik. „Einige Systeme, die in eine Blockchain konvertiert werden können, werden eher aus Interesse erforscht. Einen direkten Kundenwert haben diese Systeme in der Regel nicht. Welche Bereiche der Blockchain liefern also den größten Kundennutzen? Das ist die Schlüsselfrage, die sich CIOs stellen sollten.“

Joe Guastella, Global Leader Financial Services Practice bei Deloitte Consulting, sagt, dass einige Kunden mit einer klaren Idee an seine Firma herantreten und eine Blockchain bereits ins Auge gefasst haben: Sie wollen verstehen, wie eine Blockchain verwendet werden kann. Andere hingegen kommen mit einem Geschäftsproblem zu ihm, ohne dass sie sich vorstellen können, dass Blockchain die Lösung ist.

„Es gibt Leute, die sagen: Wir haben diese Probleme oder wir müssen Kosten vermeiden. Und wir sehen uns das Problem an. Und dann schaut man sich an, wie die Lösungen aussehen kann“, sagt Guastella. „Dann haben Sie einige, die sagen: Wissen Sie was? Dies kann sich für eine Blockchain-Lösung eignen, da es diese zehn Abstimmungsschritte nach der Transaktion überflüssig macht und man so viel Geld sparen kann.“

Unabhängig davon, wie ein Anwendungsfall entdeckt wird, suchen Unternehmen, die einen Use Case für eine Blockchain-Implementierung identifiziert haben, entweder bei ihren Vertriebspartnern nach einem Produkt, das den Anforderungen entspricht. Oder sie versuchen, die Technologie intern zu entwickeln.

Kleinere Unternehmen wenden sich eher an einen Hersteller, der ihnen ein Produkt liefern kann. So würde das auch von Briesen & Roperr machen. „Ich stelle mir vor, dass wir mit einem unserer bereits bestehenden Partner zusammenarbeiten und ihm sagen: Bilden Sie ein Beratungsgremium oder eine Sondierungsgruppe von bestehenden Kanzleien, die sich zu diesem Thema am Runden Tisch treffen, und prüfen sie, welcher Vorteil für die Kanzlei dabei entsteht?“, sagt Caraher.

Er glaubt, dass von Briesen & Roper höchstwahrscheinlich mit seinen Nischenanbietern im Bereich Dokumenten-Management zusammenarbeiten würde. Sie würden versuchen herauszufinden, wie sie die Blockchain-Technologie in ihre Produkte integrieren. Der Einsatz von Produkten, die Blockchain verwenden, wäre ein Wettbewerbsvorteil für sein Unternehmen, sagt Caraher.

Wird in größeren Unternehmen ein Anwendungsfall identifiziert, ist der nächste Schritt laut Rhodes, eine Architektur festzulegen, die auf den Use Case passt. Wie bei allen IT-Projekten muss die IT-Abteilung das Budget und die Termine festlegen und die Frage beantworten, ob die Arbeit mit internen Ressourcen bewältigt werden kann oder ob externe Hilfe notwendig ist. Er verweist darauf, dass die meisten Firmen bei Blockchain-Anwendungen Verträge mit externen Partner abschließen.

„Es dürfte viel zu schwierig sein, sich auf sinnvolle Weise bei mehreren komplexen Technologien - die drei oder vier verschiedene potenzielle konkurrierende Varianten darstellen - auf den neuesten Stand zu bringen“, sagt er.

Garzik merkt jedoch an: Egal ob eine Blockchain-Implementierung intern oder mit externer Hilfe erfolgt: Für Unternehmen ist es immer wichtig, interne Expertise zu erlangen, da die Technologie sowohl neu als auch komplex ist.

Für IT-Abteilungen, die Hilfe bei einem Blockchain-Projekt suchen, entwickelt sich um die Technologie herum ein breites Ökosystem, das allerdings noch nicht sehr ausgereift ist. Einem aktuellen Bericht von 451 Research zufolge gibt es weltweit annähernd 300 Bitcoin- und Blockchain-relevante Start-ups, die in der Entwicklung von Technologien für verschiedene Bereiche tätig sind. Zu diesen Bereichen gehören Finanzen, Produktivität, Storage, Smart Contracts, Social Networking, Supply Chain Management, Identity Management, Governance, Retail und IoT-Produkte.

Die meisten großen IT-Anbieter sind beim Thema Blockchain aktiv. IBM ist hier der Hauptakteur und hat beträchtliche Ressourcen für das Hyperledger-Projekt der Linux Foundation bereitgestellt. Microsoft arbeitet mit dem Bankenkonsortium R3 CEV zusammen, um das Testen von Blockchain-Systemen mit Microsoft Azure zu ermöglichen. Und auch die großen Beratungsunternehmen und Systemintegratoren haben Praktiken rund um die Technologie entwickelt.

Im zweiten Teil dieser Einführung in die Blockchain-Technologie stellt Sue Troy die nächsten Schritte einer Blockchain-Implementierung vor: Proof of Concept, Feldversuch mit kundenseitigen Daten und Rollout in vollem Umfang.

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Artikel wurde zuletzt im Mai 2018 aktualisiert

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