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KI-Strategie der Bundesregierung: In Berlin wenig Neues

Die Bundesregierung will auf dem Digital-Gipfel Anfang Dezember 2018 eine Strategie für den Bereich künstliche Intelligenz (KI) vorstellen. Ein Eckpunktepapier verrät mehr.

Kaum ein Tag vergeht, an dem künstliche Intelligenz (KI) nicht thematisiert wird. Sei es als Teufelszeug, das die Menschheit vernichtet, als Heilsbringer für die Wirtschaft oder als Jobkiller.

Mittlerweile hat sich auch die Bundesregierung mit dem KI-Virus infiziert. Denn Deutschland soll weltweit führend auf dem Gebiet der KI werden – so heißt es zumindest in einem Eckpunktepapier (PDF), aus dem bis Ende November eine nationale KI-Strategie entstehen soll.

Problem: Die KI-Nutzung

Dabei besteht eigentlich kein Grund zur Panik. Dort wo künstliche Intelligenz (KI) draufsteht, ist meistens gar keine KI drin. „Am häufigsten kommt immer noch die Regressionsanalyse zum Einsatz“, sagt Stephen Brobst vom KI-Anbieter Teradata. Und auch dort, wo Machine und Deep Learning die Systeme anpassen und optimieren, ist ebenfalls keine schwarze Magie im Spiel. „Die grundlegenden mathematischen Abhängigkeiten von KI sind Allgemeingut und praktisch zum Nulltarif erhältlich“, heißt es in einem Bericht von Gartner zum Stand der KI-Forschung.

Trotzdem gibt es ein gravierendes Problem mit dieser Technologie: Die Nutzung ist teuer und steckt vielfach noch in den Kinderschuhen. Laut Accenture kann aber durch den Einsatz von KI das deutsche Wirtschaftswachstum bis 2035 um jährlich drei Prozent zulegen. Das entspricht einer Gesamtwertschöpfung von knapp einer Billion Euro. Viel Potenzial also, das genutzt werden sollte.

Führend durch Industriekooperationen

Deutschland ist heute auf dem Gebiet der KI-Anwendungen bereits gut aufgestellt. Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) ist die weltweit größte Einrichtung auf diesem Gebiet. Google, Intel, VW und viele Hightech-Konzerne sind Anteilseigener und kooperieren mit dem DFKI in strategischen Bereichen.

„Wir arbeiten in mehr als 90 Prozent unserer über 200 Projekte mit der Industrie zusammen. Derzeit stehen Firmen bei uns Schlange, um einen Gesellschafteranteil und damit den direkten Zugang zur Spitzenforschung im KI-Bereich zu erhalten“, sagt Prof. Wolfgang Wahlster, Vorsitzenden der Geschäftsführung und wissenschaftlicher Leiter des DFKI. Aber auch das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS) in Sankt Augustin genießt internationale Anerkennung. Hinzu kommen umfangreiche Entwicklungsaktivitäten in der Automobilindustrie sowie bei Finanzinstituten.

AI Made in Germany

Diese gute Ausgangslage verleitet die Bundesregierung zu dem ehrgeizigen Ziel, dass „Artificial Intelligence (AI) Made in Germany“ zum weltweit anerkannten Gütesiegel werden soll.

Dazu gehören weitere Maximalforderungen: Umfassender und schneller Transfer von Forschungsergebnissen in Anwendungen, die Modernisierung der Verwaltung, die weltweit klügsten KI-Köpfe anziehen und eine Ausweitung der KI-Ausbildungskapazitäten. Außerdem: Wertschöpfungen aus der Anwendung von KI erzeugen und gleichzeitig veränderungsbedingte Risiken minimieren sowie Systeme und Algorithmen überprüfbar und transparent machen.

Auch darüber, wie man diese Ziele erreichen kann, hat man sich Gedanken gemacht. So will man „die Datenbestände der Öffentlichen Hand zum Wohle von Gesellschaft, Umwelt, Wirtschaft und Staat nutzbar machen, so dass sich KI-basierte Geschäftsmodelle in Deutschland entwickeln und zu neuen Exportschlagern werden“, heißt es in dem Eckpunktepapier.

Deutschland ist heute auf dem Gebiet der KI-Anwendungen bereits gut aufgestellt. Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) ist die weltweit größte Einrichtung auf diesem Gebiet.

Dauerbrenner Netzausbau

Fehlen darf natürlich auch nicht der Hinweis auf den weiteren Netzausbau. „Wir schaffen mit dem Ausbau einer Infrastruktur zur Echtzeit-Datenübertragung in der Gigabitgesellschaft eine zentrale Grundlage für KI-Anwendungen. Davon sollen auch die öffentliche Verwaltung und die Netzinfrastrukturen des Bundes profitieren“, heißt es zu den Zukunftsplänen.

Dabei ist die Notwendigkeit eines flächendeckenden Breitbandausbaus nicht unumstritten. Laut einer Umfrage von Bitkom nutzen 24 Prozent der Firmen mit weniger als 500 Mitarbeitern nur Übertragungsraten von unter zehn Mbit/s, 60 Prozent surfen mit 10 bis 50 Mbit/s und nur sieben Prozent der Mittelständler nutzen das Web mit mehr als 50 Mbit/s. Zumal der Einsatz von KI-Algorithmen vor allem ein Problem von schneller Rechenleistung und effizienter Middleware ist. Nur in ganz speziellen Anwendungen ist die KI-Nutzung an ein schnelles Internet gebunden.

Über Geld spricht man nicht

Ansonsten steht in dem Papier viel über Ethik und breit angelegte Diskussionen – das lässt nichts Gutes ahnen. Schon jetzt stehen die Lobbyisten Schlange, um möglichst viele Milliarden mit der KI-Hype zu verdienen. Um nicht schon in eine Finanz- statt Sachdiskussion abzurutschen, wird das Thema Finanzbedarf allerdings nicht angesprochen.

Das ist im Einklang mit dem Koalitionsvertrag der Großen Koalition, wo viel über Technologie, aber wenig über die Finanzierung geschrieben steht. Einzig für den Netzausbau sollen zehn bis zwölf Milliarden bereitgestellt werden, die aus der Versteigerung der 5G-Lizenzen gegenfinanziert werden. Dabei ist dieser Betrag viel zu klein. Der frühere Verkehrsminister Dobrindt verwies zum Beispiel darauf, dass dafür rund 80 bis 100 Milliarden Euro erforderlich sind.

Fazit: In Berlin nicht viel Neues

Zum größten Teil ist das Papier Populismus. Es missbraucht das nebulöse Wort KI für eine erneute Beschreibung von alten Zuständen, Problemen und häufig propagierten Lösungen, die eindeutig die Handschrift bestimmter Lobbyisten tragen.

Vieles von dem, was man vorhat, hat gar nichts oder nur wenig mit KI zu tun und man hätte schon längst handeln können, zum Beispiel bei Datenaustausch und Verwaltungsautomatisierung. Vor vielen wichtigen Staatsaufgaben zur Förderung von IT und KI drückt man sich, beispielsweise bei Standards und der Anpassung des rechtlichen Rahmens. Wogegen man bei vielen Arbeiten, die Beamte und Funktionäre nachweislich nicht leisten können, das Zepter in die Hand nehmen will (Stichwörter: erfolgreiche Start-ups und kommerzielle Nutzung von Forschungsergebnissen).

Vieles ist auch nur Träumerei. US-Elite-Universitäten sitzen auf mehreren Hundert Milliarden Dollar Stiftungsvermögen. Diese können jeden Professor der Welt mit Forschungsmitteln anlocken. Wie will man da mit einem Besoldungssystem dagegenhalten, das von den Ländern getragen wird. Dabei ist es nicht nur das Geld, mit dem die besten Köpfe abgeworben werden. Es ist auch das Renommee und die Forschungsbedingungen in Stanford, Berkeley, dem MIT oder beim GeorgiaTech.

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Nächste Schritte

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Artikel wurde zuletzt im Oktober 2018 aktualisiert

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