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Chancen und Risiken einer heterogenen ERP-Strategie

Da die Implementierung von Mega-ERP-Lösungen immer mehr an Bedeutung verliert, wählen Unternehmen Software gezielt aus. Aber kann das gut gehen?

Ein Unternehmen, das heute seine ERP-Strategie ausarbeitet, hat mehr Wahlmöglichkeiten als je zuvor. Es kann einen traditionellen Ansatz wählen – und fast alles, was es braucht, von einem der großen Anbieter erhalten. Diese bieten ihre Systeme inzwischen nicht nur zur lokalen Installation an, sondern auch für den Cloud-Betrieb. Wenn ein Unternehmen seine Geschäfte auf einer Cloud-Plattform aufbaut, muss es also nicht auf konventionelle Systeme verzichten. Denn alles, was im ERP-Bereich benötigt wird, gibt es beim Plattformanbieter selbst oder bei einem seiner Partner.

Und dann gibt es noch die kleinen ERP-Nischenanbieter. Diese sind meistens interessant für Unternehmen, die gerade erst mit ERP begonnen haben und sich weder auf eine On-Premises noch auf eine Cloud-basierte ERP-Plattform festlegen möchten. Anwender, die große Plattformen verschmähen, können Teile der ERP-Funktionalität von kleineren Nischenanbietern beziehen. Sie bieten die wichtigsten ERP-Funktionalitäten an und eine wachsende Auswahl an Integrationsoptionen.

Aber wie immer im Leben, gilt auch hier: Egal, welcher Weg gewählt wird, jede Lösung hat ihre Vor- und Nachteile. Um die Dinge noch etwas komplizierter zu machen, muss man leider auch darauf hinweisen, dass sich ERP-Systeme selbst gerade massiv verändern. Der Grund dafür ist, dass sich Unternehmen einer zunehmenden Dynamik ausgesetzt sehen: Sie müssen neue Märkte in Angriff nehmen, neue Geschäftsmodelle übernehmen, Dienstleistungen zu Produkten und Produkte zu Dienstleistungen hinzufügen oder einfach Dinge verkaufen, die noch nie zuvor verkauft wurden. Das heißt mit anderen Worten: Unternehmen müssen sich wie nie zuvor neu erfinden. Und damit entwickelt sich auch die Definition von ERP weiter.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Ein Unternehmen, das Internet-of-Things-Technologien wie Ortungsdienste, Überwachungsgeräte oder zugehörige Daten-Feeds anbietet, macht eine neue Art von Business, das nicht den etablierten ERP-Normen entspricht.

„Das sind alles Dinge, die neue Geschäftsmodelle erfordern. Sie passen nicht in die herkömmlichen ERP-Systeme, die ursprünglich für die Optimierung von wiederholbaren Prozessen entwickelt wurden“, sagte Rod Butters, CTO von Kenandy, die Cloud-ERP-Funktionen anbieten. „Die klassischen ERP-Systeme wurde nicht für verschiedene Channel-to-Market-Strategien, unterschiedliche Preismodelle oder andere Arten von Rabatten entwickelt.“

Nutzen und Risiken einer herstellerunabhängigen ERP-Strategie

Kenandys ERP-Ansatz ermöglicht es seinen Kunden, kleine Funktionen, die als schemabasierte Tabellen geliefert werden, miteinander zu kombinieren und sie mit den Daten in ihren Salesforce-Umgebungen zu verknüpfen, um so ERP-Prozesse umzusetzen.

„Jeder möchte gerne eine Echtzeitansicht aus seinem ERP-System bekommen“, sagt Butters. Und laut ihm kann Kenandy „den Anwendern diese Echtzeitansicht bieten“. Es ist leicht zu verstehen, wo die Informationen sind, woher sie kommen und wie sie sich aufeinander beziehen.“

Dieser funktionsspezifische Ansatz birgt laut Jim McGeever, Executive Vice President der globalen Business Unit Oracle NetSuite (ein Ergebnis der Übernahme von NetSuite durch Oracle im vergangenen Jahr) aber auch ein Risiko. Das Risiko besteht darin, dass Unternehmen versucht sind, Probleme zu lösen, ohne sich mit der zugrunde liegenden Schwäche ihrer Daten auseinanderzusetzen. Denn typischerweise haben die Daten, die aus verschiedenen Anwendungen abgerufen werden, viele Schwachstellen und Diskrepanzen.

„Zu viele Unternehmen spielen Hau-den-Maulwurf“, sagt McGeever. „Ich habe ein Problem mit der Umsatzgenerierung, also kaufe ich ein Modul zur Umsatzgenerierung. Das so zu tun, ist einfach. Allerdings wachen Sie nicht auf und haben plötzlich einen besseren Einblick in Ihr Geschäft“, fügt er hinzu. „Das Problem ist immer noch das gleiche, das man in der Vergangenheit hatte. Wenn Sie Ihr Stammdatenproblem nicht lösen, ist es immer noch ein totales Chaos.“

Es überrascht nicht, dass Oracle NetSuite einen Cloud-basierten Suite-Ansatz verfolgt. Oracle Vice President McGeever sagt, dass sich Kunden oft an das Unternehmen wenden, um ihnen dabei zu helfen, eine lose Sammlung von ERP-bezogenen Anwendungen für eine einzige Cloud-Plattform zu vermeiden.

Kevin Roberts, Director of Platform Technology bei FinancialForce, bietet eine komplette ERP-Suite für die Salesforce-Plattform an und preist sie als „ein auf Kundenbedürfnisse zugeschnittenes System“ an. Er sagt, er sehe auch, dass immer mehr Unternehmen Multi-Software-ERP-Systeme zusammenfügen. Aber er warnt davor, und weist darauf hin, dass für diesen Weg ein sehr disziplinierter Ansatz erforderlich ist. Ansonsten werde sich die Organisation mit einer Schatten-IT herumschlagen.

„Das potenzielle Problem einer Multi-App-ERP-Strategie ist, dass Sie Leute dazu bringen, sich für eine Cloud-App anzumelden, ohne dass sie eine Vision des langfristigen Ziels haben. Das kann zu einer großen Verbreitung von Apps in einer Organisation führen“, erläutert Roberts. „Diejenigen, die es richtig machen, setzen sich große Ziele und erlauben dann stückweise bestimmte Apps. Aber sie stellen sicher, dass jede einzelne App zur großen Vision passt.“

Integration von ERP-Systemen verschiedener Hersteller

Wenn man mögliche Fallstricke beiseitelässt, ist für viele Unternehmen ein ERP-Ansatz im Buffet-Stil durchaus praktikabel, sagen Analysten.

„In heutigen Cloud-Anwendungsumgebung ist es üblich, Applikationen verschiedenster Anbieter miteinander zu kombinieren“, sagt Paul Hamerman, Vice President und Principal Analyst bei Forrester Research. „Zum Beispiel kann ein Unternehmen E-Commerce, Customer Relationship Management, Finanzbuchhaltung, Einkauf und Personalwesen von verschiedenen Anbietern nutzen. Ermöglicht wird ein solcher Mix durch eine moderne, auf Standards basierende Integration [zum Beispiel APIs] und vorgefertigte Konnektoren.“

Forrester-Analyst Hamerman erklärt, daß die meisten dieser kombinierbaren Apps von Nischenanbietern angeboten werden. Sie haben sich darauf spezialisiert, ein bestimmtes Stück des ERP-Puzzles zu lösen, sind aber per se keine eigentlichen ERP-Anbieter. Weitaus weniger üblich ist, dass Unternehmen Komponenten herkömmlicher Legacy ERP-Anbieter mischen und integrieren. Allerdings weist Hamerman darauf hin, dass Unternehmen durchaus Teile kombinieren können, die diese Anbieter erworben haben, zum Beispiel SAP SuccessFactors für Human Capital Management und Oracle Hyperion für Business Performance Management.

Mickey North Rizza, Programm Vice President für Unternehmensanwendungen und Digital Commerce bei IDC, sagt, sie sehe auch, dass Unternehmen heute viel mehr verschiedene ERP-relevante Software mischen und integrieren. Sie nutzen dabei oft Software as a Service (SaaS) Sourcing- und Procurement-Partner, die über hybride Integrationsmodelle an ihre Finanzsysteme angebunden sind.

„Mit den Datenintegrationstechniken, die heute verfügbar sind, wird das einfacher,“ sagt North Rizza. „Allerdings kaufen Unternehmen immer noch ERP-Suiten für einen kompletten Datensatz, typischerweise Finanzen, Einkauf und Lagerbestand.“

Hamerman ist überzeugt, dass die Entscheidung darüber, welcher Ansatz gewählt werden soll, von der Philosophie und den Prioritäten eines Unternehmens abhängt. Das Wichtigste ist, dass der IT-Führung klar sein muss, wohin die Reise geht.

„Die entscheidende Frage ist, wie viele Anwendungen sie integrieren wollen“, sagt er. „Es gibt kein ERP-System, das alles erledigen kann, was ein Unternehmen erledigen muss. Sie werden einige Prozesse auslagern, Drittanwendungen einsetzen, verschiedene Systeme für das Personalwesen verwenden und innerhalb des Personalwesens verschiedene Systeme für Zusatzleistungen und Recruiting nutzen. Ein Unternehmen muss sich entscheiden, welche Strategie es verfolgt, und sehen, ob es brauchbare Anbieter gibt, die die meisten der benötigten Lösungen bereitstellen können.“

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Artikel wurde zuletzt im Dezember 2017 aktualisiert

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